Winrate beantwortet nur eine einzige Frage.
Die Winrate zeigt, welcher Anteil abgeschlossener Trades positiv war. Sie sagt nicht, wie groß Gewinner und Verlierer ausfielen, wie viel Gebühren entstanden oder ob wenige Ausreißer das Gesamtergebnis tragen. Eine Strategie kann häufig richtig liegen und trotzdem Geld verlieren.
Das Gegenstück ist ebenfalls möglich: Eine Strategie mit weniger Gewinntrades kann profitabel sein, wenn ihre durchschnittlichen Gewinner deutlich größer als ihre durchschnittlichen Verlierer sind. Deshalb sollte eine Trefferquote nie ohne Ergebnisverteilung und Stichprobengröße bewertet werden.
Der Denkfehler70 Prozent Trefferquote sind nicht automatisch besser als 45 Prozent. Entscheidend ist, was ein Gewinner verdient und ein Verlierer kostet.
Expectancy verbindet Trefferquote und Ergebnisgröße.
Eine einfache Expectancy in R lautet: Gewinnwahrscheinlichkeit × durchschnittlicher Gewinner in R minus Verlustwahrscheinlichkeit × durchschnittlicher Verlierer in R. R steht dabei für das vor dem Trade definierte Risiko. Die Kennzahl ist keine Prognose für den nächsten Trade, sondern eine Beschreibung der beobachteten Stichprobe.
CME Group beschreibt denselben Grundgedanken als mathematische Erwartung: Ein Modell kann trotz häufiger Verluste einen positiven Durchschnitt besitzen. Umgekehrt kann eine hohe Trefferquote durch einen einzelnen großen Verlust entwertet werden.
| Beispiel | Winrate | Ø Gewinner | Ø Verlierer | Expectancy vor Kosten |
|---|---|---|---|---|
| Strategie A | 70 % | +0,50R | −1,00R | +0,05R |
| Strategie B | 45 % | +2,00R | −1,00R | +0,35R |
Nur ein RechenbeispielDie Tabelle beweist keine reale Strategie. Sie zeigt lediglich, warum dieselbe Winrate je nach Auszahlungsmuster eine andere Bedeutung besitzt.
Gebühren verändern kleine Edges zuerst.
Expectancy vor Kosten ist nicht dasselbe wie Expectancy nach Kosten. Kommissionen, Börsen- und Plattformgebühren sowie Slippage treffen Strategien mit hoher Frequenz besonders oft. Eine kleine Brutto-Edge kann dadurch vollständig verschwinden.
Dasselbe gilt für R-Multiples. Wenn das geplante Risiko nur den Abstand zum Stop enthält, Gebühren und reale Ausführung aber fehlen, ist das Ergebnis zu optimistisch. Ein sauberes Journal sollte Brutto-P&L, Kosten und Netto-P&L getrennt speichern und die Nettoverteilung analysieren.
- Brutto- und Nettoergebnis nicht vermischen.
- Gebühren pro Trade und über den gesamten Zeitraum sichtbar halten.
- Slippage nur aus echten Ausführungsdaten ableiten – niemals pauschal erfinden.
- Vergleiche immer dieselben Accounts, Instrumente und Kostenmodelle.
Eine gute Kennzahl kann auf einer schlechten Stichprobe stehen.
Eine Expectancy von +0,8R über fünf Trades ist ein interessanter Zwischenstand, aber kein belastbarer Beweis. Je kleiner die Stichprobe und je stärker einzelne Trades das Ergebnis dominieren, desto größer ist die Unsicherheit.
Statt eine magische Mindestzahl zu behaupten, sollte die Analyse offenlegen, wie viele Trades vorliegen, welchen Zeitraum sie abdecken und wie stabil das Ergebnis über Teilperioden bleibt. Achte außerdem darauf, ob ein Setup nur in einer Marktphase, einem Instrument oder einer Session funktioniert.
Die bessere Frage lautet nicht: Wie hoch ist meine Winrate?
Frage stattdessen, welche Ergebnisverteilung hinter der Winrate steht. Wie groß sind Gewinner und Verlierer? Welche Trades tragen den größten Teil des Ergebnisses? Wie verändert sich die Expectancy nach Gebühren? Bleibt sie in einer späteren Stichprobe positiv?
Aether Ledger stellt Winrate deshalb neben realisiertem R, Profit Factor, durchschnittlichen Gewinnern und Verlierern, Drawdown, Gebühren und Trade-Anzahl. Keine einzelne Kennzahl wird dadurch zur Wahrheit. Zusammen ergeben sie aber ein wesentlich ehrlicheres Bild.

Quellen und weiterführende Informationen
Die Formeln beschreiben historische Stichproben und sind keine Prognose oder Gewinnzusage. Die Beispielwerte dienen ausschließlich der Erklärung.
